Raw Bildbearbeitung unter Linux – Ein Vergleich

Mein Weg von Bibble/Aftershot zu  Rawtherapee zu Darktable:

Tut mir Leid liebe Leser, aber um zu verstehen, warum ich diverse Programme getestet,
benutzt und doch wieder verworfen habe, eine kleine Exkursion in meine Vergangenheit.
Ich arbeite seit vielen Jahren mit Linux auf dem Desktop. Im Jahr 2006 habe ich mir meine
erste DSLR gekauft (Nikon D70) und habe mangels Alternativen als Raw Konverter Rawtherapee
genutzt. Habe damals aber noch häufiger in JPG Fotografiert und hatte nicht so den Bedarf.
Als die Fotografie zu meinem Hobby wurde und ich nur noch Raw fotografierte (ca. im Jahr 2010, da kaufte ich mir dann
eine D700), erschien Bibble5.
Tolles Programm, viele Funktionen und performant. Leider wurde das Programm irgendwann von Corel gekauft.
Das Programm wurde in Aftershot Pro umbenannt und diverse Funktionen wurden entsorgt (Noiseninja, diverse Funktionen
in der Datenbank, etc.). Da ich diese Funktionen benötige, bin ich bis zum Jahr 2014 bei der alten Version von
Bibble 5/ASP1 geblieben. Im Jahr 2014 habe ich mir jedoch eine neue Kamera gekauft (Olympus E-M1, µFT), da ich Schlepperei einer Vollformat DSLR satt hatte. Jupp, auch ich werde älter 🙂 Damit konnte ich Bibble5/ASP1.x nicht weiter nutzen.
Habe mir daraufhin die neue Version von ASP angesehen. Die Objektivkorrektur basiert auf Lensfun, jedoch nicht die neueste Version, sodaß einige meiner Objektive nicht unterstützt wurden. Noiseninja wurde durch ein eigenes Entrauschenwerkzeug ersetzt und die Datenbank unterstützt weiterhin keine Verknüpfung, was unter Bibble 5 noch ging.
Anstatt daran zu schrauben, macht Corel groß Werbung, daß das Programm schneller gemacht wurde! Hier ein
Hinweis für alle, die ASP nicht kennen: Bibble5/ASP war schon immer mit ABSTAND das schnellste Programm. Das Rendern
der Vorschauen, der Bilder etc. ist unerreicht. Als zusätzlich OpenCL (das Rendern mit Hilfe der Grafikkarte)
unterstützt wurde, war das Thema „Geschwindigkeit“ meiner Meinung nach durch. Zudem hat die neue AfterShot Version die unangenehme Eigenschaft, daß die UI sich nicht an das Desktopdesign des Betriebssystem anpasst. Damit sieht sieht ASP unter Mac/Linux aus, wie  ein Windows 8 Programm.

Ich habe mir daraufhin die damals aktuelle Version von Rawtherapee gezogen (4.x), da ich es kannte.

An dieser Stelle werde ich die Funktionen von Rawtherapee beschreiben, die ich gut finde und wie mein Workflow ausSAH.
Daraus wird hoffentlich ersichtlich, warum ich dann doch zu Darktable gewechselt bin.

Meine Hardware:

CPU: Core-i7-950 (4 Kerne, 8 Threads, 3,07 GHz)
RAM: 12 GB
GPU: Nvidia 970 GTX (4GB)
OS: Ubuntu 16.04 – 64 Bit (Kernel 4.8.x)

Hinweis: Ich lade mir den Sourcecode von Rawtherapee von Github ca. jede Woche runter und kompiliere es mir selbst,
damit habe ich immer die neueste Entwicklerversion. Bis auf ein paar Ausnahmen lief das immer stabil.

Rawtherapee (RT):

Das Programm besitzt KEINE Datenbank. Man hangelt sich durch die Ordner und kann die Dateien ohne Import direkt bearbeiten.
Die Einstellungen und Bewertungen (Sterne & Farben) werden in einer sog. Sidecar Datei gespeichert (Dateiendung pp3).
RT unterstützt Multithreading und beim Rendern werden alle Kerne eine CPU ausgenutzt. Das Rendern über die GPU geht NICHT.

Da ich RT lange Zeit nicht genutzt hatte, war ich erfreut zu sehen. daß es LCP Dateien (Lens Correction Profile)
von Lightroom untestützt. Daher habe ich in einer VM mit dem Adobe Lens Profile Creator die passenden Profile für
meine µFT Objektive erstellt. Diese kann man auswählen und das Bild wird dann entzerrt. Bei µFT Kamera werden diese
Korrekturdaten mit in die RAW Datei geschrieben, aber bis dato kann kein Opensource RAW Entwickler diese Daten auswerten.
Es gibt auch eine automatische Verzerrungskorrektur. Diese wertet aber leider nicht die eingebetteten Korrekturdaten aus,
sondern schaut sich da eingebettete Jpeg an und versucht das Raw entsprechend anzupassen, funktioniert nicht so gut.
Die DCP/ICC Farbprofile von Lightroom kann man auch nutzen. Wenn man z.B. das Farbprofil der E-M1 Vivid auswählt
und man hat es auch so in der Kamera eingestellt, sieht es farblich gleich genauso aus, wie in der Vorschau
auf dem Kameradisplay.
Eine weitere neue Funktion sind Wavelets. Damit kann man wirklich feine Strukturen herausarbeiten.
Jedoch verlängert sich das Rendern der  Bilder extrem, sieht aber spitze aus. Hier eine genaue Beschreibung:

Wavelets – eine Einführung

Das Entrauschen ist bei RT eine sehr mächtige Funktion, verlangt aber viel „Handarbeit“. Es gibt etliche Regler
und Schalter, womit man das Entrauschen einstellen kann. Eine schnelle Automatik gibt es nicht.

Jetzt zum Eigentlichen Problem von RT, das meinen folgenden „Workflow“ erklärt und zeigt, warum ich zu schlussendlich
doch zu DT gewechselt bin:

RT kann keine Arbeitschritte speichern, sondern nur fertige Profile, d.h. es werden die absoluten Werte gespeichert.
Das bedeutet, wenn ich z.B. bei einem Bild die automatische Verzerrungskorrektur anwende und er einen ensprechenden
Wert einstellt und ich kopiere dieses Profil auf ein anderes Bild, wird der Wert übertragen. RT schaut dann
NICHT mehr in das eingebettete Jpeg und korrigiert das Bild, obwohl die Verzerrung ganz anders ist. Ich hoffe, es ist
verständlich was ich meine.

Ich habe mir daher verschiedene „Rauschprofile“ erstellt (ISO 200-800, 1000-3200, etc.), wo ich ich mir in Kleinarbeit
für meine neue Kamera jeweils die bestes Entrauschungseinstellungen für die verschiedenen ISO Werte erarbeitet habe. Im
Metadatenfilter habe ich dann z.B. alle Bilder von ISO 200-800 anzeigen lassen dann auf all jene das ensprechende Profil
angewendet. Danach bei allen Bildern, wo ich es brauchte manuell die Verzerrungskorrektur angeklickt usw.

Ihr merkt schon, schön ist anders. An alle RT Freaks, ich weiß, es gibt das Script „RT Chooseprofile“, was anhand der
Exif Daten der RAW Datei automatisch ein Profil anwendet. Da Problem ist, wenn man in der Dateiverwaltung ist, um den Bildern
eine Bewertung/Farbe zuzuweisen, wird das Profil SOFORT beim Markieren aktiviert und gerendert. Das DAUEEEERRRT, damit
ist das SCHNELLE Bewerten/Sortieren der Bilder unmöglich.

Nach der Bearbeitung werden Bilder in der Warteschlange gerendert. Da RT kein OpenCL unterstützt, wird alles mit der CPU
berechnet. Wenn man Wavelets nutzt, braucht mein Rechner pro Bild ca. 60 Sekunden (16Mpixel Datei)!
Nach einem Urlaub können durchaus mehrere Hundert Bilder zusammenkommen. Rechnet Euch aus,
wie lange das dauert und mein Rechner ist jetzt nicht sooo langsam.

Was die Bildqualität angeht, braucht man nicht diskutieren, die ist tadellos! Das setzt aber vorraus, das man sich
mit RT intensiv auseinandersetzt.

Fazit RT: Für einzelne Raw Dateien ist RT ein sehr mächtiges Werkzeug, die Bildqualität spricht für sich, aber für
viele Bilder eher ungeeignet.

Darktable:

Bei DT muss man alle Bilder in eine Datenbank importieren, um sie zu bearbeiten. Mit Version 2.0 wurde das Programm auf GTK3 portiert, und die Datenbank besteht jetzt aus zwei Dateien, einmal für die Bilder und einmal für die Daten (styles). Die Bilder und die Datenbank liegen auf meinem NAS. Auf meinem PC und meinem Laptop habe ich jeweils symbolische Links dorthin erstellt, sodaß ich auf beiden Geräten arbeiten kann und jeweils auf dem selben Stand bin. Funktioniert natürlich nur zu Hause, wenn ich Zugriff auf mein NAS habe.

Ich konnte mich mit DT nie anfreunden, weil ich auf die SCHNELLE mit der Bedienung nicht klar kam. Nachdem ich aber
mit RT nur sehr mühsam viele Dateien bearbeiten konnte, habe ich mich mal einen Sonntag hingesetzt und mir DT genauer
angesehen. Ich muss gestehen, nachdem ich die Bedienphilosophie verstanden habe, ging alles flott von der Hand. Das
Entscheidende aber ist, man kann Arbeitsschritte speichern, das nennt sich bei DT „Stile“. Es ist herrlich, ich habe ein
„Standardimport-Stil“ erstellt, den ich auf alle Bilder einfach anwenden kann. Er korrigiert z.b automatisch
die Objektiv Verzerrung und schaut dafür in die Exifdaten und prüft welches Objektiv verwendet wurde. Das Gleiche beim
Entrauschen, je nach der ISO Wert wird das passende Profil verwendet. Danach muss ich beim Bild evtl.
nur noch den Horizont korrigieren und beschneiden – fertig. Am Anfang war ich etwas vom Ergebnis enttäuscht, da ich bei
RT mit Wavelets viele Details herausholen kann. Nun, bei DT nennt sich das Ganze „Equalizer“. Nachdem ich das
entdeckt habe, bin ich glücklich.

Hier ein Tip: DT besitzt extrem viele Module, womit man sehr vieles machen kann, wobei
jedoch nicht sofort erkenntlich ist, was genau. Hier eine Auflistung in deutsch:

Darktable Module – Übersicht mit Beschreibung

Auf dieser Webseite kann man auch diverse Plugins für DT herunterladen, sollte man sich mal ansehen.

Was kommt am Ende raus, wie schnell rendert DT? Nun, benutzt man das Modul „Equalizer“ braucht DT ca. 50-60 sek für ein
Bild (16 MPixel), ca. die gleiche Zeit wie bei RT. Aktiviert man jedoch OpenCL und er rendert über die Grafikkarte, braucht ein Bild nur noch 5 Sekunden. Das ist eine Beschleunigung von Faktor 10!!!!! Allein dafür lohnte sich für mich der Umstieg.

Fazit DT: Ein sehr mächtiges Programm, sehr gute Bildqualität (Ergebnis) und sehr gut auch für große Datenmengen geeignet.

Fazit gesamt: Primär nutze ich nur noch DT. Wenn ich aber mal eine einzelne Datei bearbeiten möchte, öffne ich gerne
auch mal RT. Damit brauche ich die Datei nicht extra importieren und meine Profile für meine Kamera habe ich ja noch.

 

 

Schreibe einen Kommentar


*